„Dann müssten wir Einrichtungen schließen“

Corona, Impfpflicht und der eklatante Fachkräftemangel in Pflegeberufen: Beim Besuch von Ekin Deligöz beim DRW kommen drängende Themen zur Sprache

Datum: 14. März 2022, 14:06 Uhr
Ekin Deligöz präsentiert die Werbekampagne für den Umzug der Berufsfachschule für Pflege von Ursberg nach Krumbach. Mit der parlamentarischen Staatssekretärin aus Berlin auf dem Bild (vlnr.): Martin Riß und Andrea Lutz vom DRW, Ulrike Kühner, Kreissprecherin der Grünen, Wolfgang Tyrychter und Schulleiter Stefan Altstetter vom DRW. Interessenten können sich jetzt schon für eine Pflegeausbildung in Krumbach bewerben.

Ursberg/14. März 2022 – Die parlamentarische Staatssekretärin im Bundesfamilienministerium Ekin Deligöz (Bündnis 90/Die Grünen) informierte sich an den Berufsfachschulen des Dominikus-Ringeisen-Werks (DRW) in Ursberg über die Auswirkungen der Impfpflicht in Pflegeberufen und über die aktuellen Pläne der Einrichtung, ihre Angebote in der Pflegeausbildung nach Krumbach zu verlegen. An den Berufsfachschulen werden Fach- und Hilfskräfte in der Heilerziehungspflege sowie in der generalistischen Pflegeausbildung, der Kranken-, Kinder- sowie in der Altenpflege samt Pflegefachhelfer, ausgebildet. Bei dem offenen Gespräch mit Verantwortlichen des DRW wurde der Gast aus dem Wahlkreis Neu-Ulm mit der großen Sorge der Sozialeinrichtung konfrontiert, der Fachkräftemangel in Pflegeberufen könnte langfristig sogar zu Schließungen von DRW-Einrichtungen führen.

Anlass der Visite der Staatssekretärin waren die Pläne des DRW, ihre Berufsfachschule für Pflegeberufe nach Krumbach zu verlegen. Hier plant man im Herbst dieses Jahres den Start des Unterrichts in den Räumlichkeiten der ehemaligen Fachoberschule an der Bahnhofstraße. Mit dem neuen Standort verspreche man sich eine neue Wahrnehmung und Präsenz in der Region verbunden mit einer besseren Verkehrsanbindung, so Schulleiter Stefan Altstetter. Knapp 20 Absolventinnen und Absolventen der beiden Ausbildungsgänge Pflegefachfrau/-mann sowie der einjährigen Ausbildung in der Pflegefachhilfe verlassen jährlich die Berufsfachschule. Mit dem neuen Standort und mehr Räumlichkeiten strebe man sogar eine Zweizügigkeit an, um mehr Absolventinnen und Absolventen ausbilden zu können. „Ab sofort können die Bewerbungsunterlagen für das kommende Schuljahr 2022/23 in der Berufsfachschule Pflege und Pflegefachhilfe eingereicht werden“, warb Altstetter beim Termin.

75 Vollzeitstellen offen

Die generelle Krise im Fachkräftemarkt werde das kurzfristig jedoch nicht lösen, so Wolfgang Tyrychter vom Vorstand des DRW, obgleich es sehr gut sei, „dass wir selbst Fachkräfte ausbilden, von denen viele später bei uns arbeiten. Dennoch fehlen einfach die Leute“, so der erfahrene Sozialmanager. Schuld daran sind nach seiner Ansicht nicht etwa schlechtere Verdienstmöglichkeiten in der Pflege, die je nach Ausbildung und Verantwortungsbereich mit den Löhnen im Handwerk mithalten könnten. Vielmehr seien in der Arbeit mit Menschen in Pflegeheimen und in stationären Einrichtungen der Behindertenhilfe Schichtdienste unerlässlich, „weil wir uns rund um die Uhr an sieben Tagen der Woche um diese Menschen kümmern“, so Tyrychter. Doch dieses Arbeitsmodell entspreche nicht dem heutigen gesellschaftlichen Ideal einer Work-Life-Balance. „Wenn aber immer weniger Arbeitskräfte in der Pflege sind, lassen sich Dienstpläne nicht mehr sicher aufstellen, müssen immer öfter Pflegekräfte für ausfallende Kolleginnen und Kollegen einspringen.“ Der massive Fachkräftemangel sei in der Corona-Krise besonders deutlich geworden. „Unser Personal ist sehr belastet durch diese große Anstrengung“, sagte Tyrychter. Mit Stand von Anfang März 2022 seien im DRW 75 vollzeitliche Planstellen offen. Halte dieser Trend an, müsse man sich der schmerzlichen Frage stellen, ob man Einrichtungen irgendwann nicht mehr betreiben könne: „Dann müssten wir Einrichtungen schließen.“

Impfpflicht löst Unsicherheit aus

Auch die Debatte um die einrichtungsbezogene Impfpflicht habe den Druck auf die Pflegekräfte enorm verstärkt, bis hin zur Ankündigung Mitarbeitender, kündigen zu wollen, so Tyrychter. „Wir brauchen aber jede und jeden“, bekräftige er. Tyrychter plädierte dafür, die einrichtungsbezogene Impfpflicht auszusetzen und an ihre Stelle eine allgemeine zu setzen, die für alle Bevölkerungsgruppen ab 18 Jahren gelte. Auch Stefan Altstetter von den Berufsfachschulen hat viele Gespräche mit Schülerinnen und Schülern geführt, die nicht geimpft sind. Viele seien bereits am Ende ihrer Ausbildung angelangt und stellten ihm die Frage, ob sie wegen der Impfpflicht kurz vor dem Abschluss abbrechen müssten. „Die Diskussion hat große Unsicherheit unter den Studierenden ausgelöst“, so Altstetter.
„Im Blick auf die Debatte bezüglich der einrichtungsbezogenen Impfpflicht haben wir zusammen mit unserer Mitarbeitervertretung gute Gespräche mit Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern geführt, die bisher noch nicht geimpft sind“, berichtete der Vorstandsvorsitzende des DRW Martin Riß. Zuhören und eine wertschätzende Kommunikation seien für ihn wichtige Grundlagen für die Dienstgemeinschaft im Dominikus-Ringeisen-Werk und für das gesellschaftliche Miteinander, so Riß.

Arbeitsmigration muss vereinfacht werden

Wolfgang Tyrychter und Stefan Altstetter machten im Gespräch mit Ekin Deligöz zudem auf die nach ihrer Ansicht nach längst überfällige Flexibilisierung des Ausländerrechts aufmerksam, um Arbeitsmigration zu vereinfachen und mehr Menschen aus anderen Ländern in das deutsche Pflegesystem einbinden zu können. Gegenwärtig seien die komplizierten und langwierigen behördlichen Verfahren allerdings nicht darauf angelegt, Menschen schnell in den Arbeitsmarkt zu integrieren, stimmte auch Ekin Deligöz zu. „Wenn jemand eine Aufenthaltserlaubnis hat, sollte er auch direkt bei uns arbeiten können“, wünschte sich Wolfgang Tyrychter. Stefan Altstetter ergänzte: „Wir brauchen Brückenköpfe für junge Menschen aus dem Ausland, die mit Rat und Tat unkompliziert ansprechbar sind. Des Weiteren braucht es Wohnraum und mehr Sprachkurse.“

Garantierte Stellen im Freiwilligendienst

Ein Schritt, den Druck auf die Pflegebranche etwas zu nehmen, könnte nach Auffassung von Ekin Deligöz das Angebot eines staatlich garantierten Freiwilligendienstes für junge Menschen in sozialen Einrichtungen sein, nach dem Motto: „Jeder der will bekommt auch eine Stelle.“ Die Hoffnung: Mehr Interessenten könnten nach der Schule in soziale Berufsfelder hineinschnuppern, dort vielleicht sogar ihr Herz für Menschen mit Behinderung und im Alter entdecken und sich u.a. an den Berufsfachschulen in Ursberg und künftig auch in Krumbach ausbilden lassen.

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